Mitten in Hamburg

Fuck, fuck, fuck!

Dem Bus konnte sie nur noch hinterher schauen. Noch ein letzter Blick auf die Anzeige. Doch das war sinnlos. Der Betrieb war eingestellt, das war der letzte Bus gewesen. Tschüss Bus. Tschüss Zug.

Fuck!

Wütend auf sich selbst, ließ sie sich auf den Bordstein fallen. Und was jetzt?

Hey, kann man dir vielleicht irgendwie helfen?

Ein Typ stand plötzlich neben ihr. Eigentlich eher hinter ihr. Sie musste sich umdrehen, um ihn sehen zu können. Sie erkannte ihn wieder. Auf dem Konzert stand er irgendwie immer in ihrer Nähe. Mehrmals hatte sie auch seine Blicke bemerkt. Genau das hatte noch gefehlt: ein Typ, der versuchen würde bei ihr zu landen. Kurz bemerkte sie aber auch genau daran einen möglichen Vorteil, denn immerhin wüsste sie dann, wo sie die Nacht verbringen könnte. Trotzdem reagierte sie abweisend. Sie würde es nicht darauf anlegen.

Nicht wirklich. Außer du kannst mich mal eben schnell zum Hauptbahnhof beamen. Oder, was in dem Fall viel sinnvoller wäre, beam mich doch bitte gleich nach Hause!

Irgendwie sollte es lustig klingen, doch sie hatte eher den Eindruck, dass es total verbittert klang. Naja, dazu hatte sie wohl auch allen Grund. Trotzdem lachte er. Ob aus Höflichkeit oder Ehrlich war ihr dann aber auch schon wieder egal. Einer immerhin schien Spaß an der Situation zu haben. Doch sie war das bestimmt nicht.

Nee, sorry. Damit kann ich nicht dienen. Letzten Bus verpasst, was?

Sie zuckte nur mit den Schultern. Sie stand direkt an einer Bushaltestelle, über ihr das Schild auf dem „Kein Betrieb“ stand. Die Antwort war wohl ziemlich offensichtlich. Sie hatte keine Lust zu antworten und starrte stattdessen weiter vor sich auf die Straße.

Was wolltest du am Hauptbahnhof?

Sie verdrehte die Augen. Aber wahrscheinlich konnte er das gar nicht sehen. Was waren denn das bitte für bescheuerte Fragen. Wo wollte sie wohl hin? Einkaufen? Ihre Mutter besuchen. Der Typ nervte.

Nach Hause.

Ok, und das ist wo?

Berlin.

Oh – Na das wird heute wohl nichts mehr. Hätte dir ja gerne ein Taxi spendiert, aber dafür wird mein Restgeld wohl auch nicht mehr reichen.

Sie schaute ihn an. Er hätte ihr ein Taxi spendiert? Zu gerne hätte sie ihm jetzt irgendwelche Absichten unterstellt, doch so wie er es gesagt hatte, klang es wirklich einfach nur nett gemeint und hilfsbereit. Sehr hilfsbereit. Zu hilfsbereit? Ein wenig wirkte er auf jeden Fall enttäuscht, dass er ihr Problem nicht so einfach gelöst bekommen würde.

Ja, ist schon ok. Ich werde wohl einfach zu Hauptbahnhof laufen und morgen früh den ersten Zug nehmen. Das geht schon klar. Irgendwie.

Er schüttelte den Kopf. Er brummte irgendwas von langer Nacht und dass es zu kalt sei. Er überlegte.

Ok, ich mach dir einen Vorschlag. Und ja, das klingt echt ein bisschen abgedroschen. Aber ich will dich hier echt nicht alleine sitzen lassen. Ich treffe mich gleich noch mit paar Freunden auf ein Bier. Komm doch einfach mit. Ist auf jeden Fall besser als hier allein rumzuhocken und zu warten, bis die Sonne wieder aufgeht.

Was genau bezweckst du damit?

Ok, das war wirklich irgendwie sehr nett von ihm. So ganz gefiel ihr die Idee, die Nacht alleine in einer fremden Stadt zu verbringen, nicht unbedingt verlockend. Doch wollte sie ihm bestimmt nicht irgendwelche Hoffnungen machen. Sie hatte kein Interesse an irgendwem.

Was? Hey, nein, keine Sorgen. Du entscheidest. Das ist nur ein Angebot und keine Einladung in mein Bett. Wobei – wie gesagt – du entscheidest.

Er zwinkerte ihr lachend zu. Er zwinkerte. Er zwinkerte ihr ernsthaft zu. Sollte das jetzt irgendwie besonders flirty sein? Oder lustig? Oder was auch immer? Sie gab nur ein gequältes Lächeln ab. Ok, immerhin hatte er sie sofort verstanden. So waren die Fronten ja irgendwie geklärt. Er wäre scheinbar nicht abgeneigt, legt es aber nicht drauf an. Und auch wenn sie sich dafür entscheiden würde, würde er trotzdem nichts von ihr erwarten. Hoffentlich. Und, naja, vielleicht waren seine Freunde ja ganz nett?

Sie stand langsam auf und schnappte sich ihren Rucksack. Sie sah ihn kurz zucken, so als würde er ihr helfen wollen. Ließ es aber zum Glück bleiben. Sie war keine Jungfrau in Nöten und er kein weißer Ritter mit Pferd. Wobei er ihr das sonst wahrscheinlich schon längst angeboten hätte. Sie könnte ja nach Berlin reiten. Kurz grinste sie leise in sich hinein. Wie ihr Arsch danach wohl wehtun würde. Wie viele Kilometer waren es nach Berlin? 300 km? Ein paar Tage wäre sie wohl unterwegs.

Ok, ich komm mit. Nur ich habe eigentlich kein Geld mehr. Ich kann dir nur etwas Gras anbieten. Wenn du willst.

Sehr cool. Also das du mitkommst. Auf das Angebot mit dem Gras komm ich vielleicht später zurück. Und für den Rest finden wir eine Lösung.

Kurz warf er einen Blick in sein Portemonnaie und schrieb dann irgendjemanden eine Nachricht. Kurz musterte er sie noch einmal kurz, bevor er ihr dann einen weiteren Vorschlag macht.

Ok, ich hätte ja das Taxigeld dir eh sehr gerne spendiert und für dein Gewissen, es ist eh nur von meinem Chef. Lass uns einfach Laufen. Sind vielleicht 20 Minuten von hier. Dann lass ich hiervon eine Runde springen. Wäre das ok?

Das erleichterte ihr Gewissen tatsächlich ein wenig. Sie würde sich ihren nächsten Drink einfach erlaufen. Zwar spürte sie jede Minute vom Konzert in ihren Knochen, aber laufen ging eigentlich immer. Sie nickte zustimmend und zuckte dabei gleichzeitig mit den Schultern. Er lächelte sie erfreut an.

Cool, dann also laufen.

Wieder nickte sie nur, während er sich umdrehte und sie ihm leicht hinterherlaufend folgte. Irgendwo in Hamburg. Allein, mit einem Fremden. Sollte sie sich nicht eigentlich Sorgen machen? Wenigstens ein bisschen? Aber da war nichts. Ihr war vollkommen egal, was mit ihr passierte. Hier. Mitten in Hamburg.

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